Roland Gorsleben 

MORGEN # 1 


Meine Hände wandern in die Dunkelheit und berühren. 

Dich dichter 

Als am dichtesten. 

Ich fühle das unter meiner Haut, 

es rieselt herab und herauf, 

der Flügelschlag meiner Seele 

Liebe. 


Am Boden, die Strickleiter hängt vom Himmel und wird flugs zum Saum des Lebensmantels, der die Pforten öffnet, Rückenstütze. Kostbar ist dieses Gefühl des Anlehnens. Können. Kostbar das Gefühl der Berührung, sacht balanciert auf dem Rückgrat. 

Im Sprung öffnet sich weit der Rock, federnd gibt der Boden Halt. Auf den ersten Wunsch hin, der aus den Augen darf, sinkt die Wand ins Panorama von Sonnenunter– bis Sonnenaufgang der traumbenetzten, erblühenden Pflanzenschaft, hinweggestrichen von tauender Handrührung, ganz im Vertrauen. Horizonte schwimmen davon, das Firmament Heimat zu Füßen, die Zeit hält für jedes Flüstern der Angetrauten den Atem an. Jedes Wort findet sich. Im Aufschimmern Seligkeit, Wimpern malen ihre Träume weiter und weiter, schau, Frau, sieh, die Knie werden weich. 

Warm ist es. Kostbar und niemals zu vergessen, zu Gehör, zu Gespür, zum Geschenk, alles, was des Herzens ist. Die Himmelsleiter schwingt auf, Hängematte zwischen zwei Seelen, alles, was geschieht, kann hineingebettet werden, alles was geschah, abgelegt. Es gibt Ruhe. 

Gehört, nicht mehr gestört. Was los ist, wissen, was los gelassen ist. Der erste Morgen miteinander, mit erwachten Händen, erwecktem Lächeln, mit sich verziehenden Nebeln, sich verzeihender Unschuld, mit Paradiesvögeln in Baumwipfeln, im Dickicht, mit einer Fülle von Klang und errötendem, Licht, von Raum für jeden liebenden Traum und ergrünendem Leben. Angelehnt. Angetraut. Zugewandt. Hand in Hand. Schau, Frau, wahr, einander nah, daß Lippen sich weich und sacht berühren, einander ja. Lang nach Mitternacht, wacher Kuß Mitmacht, Ohnangst endlos kostbar, bewahren, gewahren: alles ist gut. 

Werden auf Erden. Sein im Lieben. Wurzeln auf Erden. Wachsen im Lieben. Stehen auf Erden. Gehen im Lieben. Leben im Fliegen. 

Wunderkostbar nah. 


Liebe. 

Auf dem Weg, 

dahin, 

wo sie ist.