Katarina NikÓiƒ 

Die rote Marlboro 

Eine scharlachrote Schachtel Marlboro liegt auf dem Tisch. Daneben ein BiC–Feuerzeug. Sie wissen schon, das sind solche Feuerzeuge, die garantiert dreitausend Mal zünden und werden dann weggeworfen. Elegante, gepflegte und langfingrige Hände greifen nach der Schachtel. Und das BiC zündet ein kurzlebiges Feuer. Aber irgendwann, zwischen diesen Zündungen entflammt ein Liebesfeuer. Unerwartet verzaubert, wild und ansteckend wie Malaria. Wenn Illusionen sterben, erscheint aus der Asche die Liebe. Warum sollte eine Liebe heimlich sein, um zu brennen? 

Eine Frau sitzt still nebenan und beobachtet das Spiel mit dem Feuer. Die Hände des Mannes bewegen sich wie ein leichter Sommerwind, sie gestikulieren etwas Springlebendiges, was die Frau nicht deuten kann. Sein Mund öffnet sich und schließt wieder. Sie hört kein Wort. Aber sie spürt die Magie des Augenblicks, sie spürt die heilende Wärme von diesen Händen und sie schmeckt diesen plappernden Mund. Alles scheint nah und doch ist eine Brücke dazwischen. Wie ein Lichtstrahl das Wasser durchdringt, so leuchtet das Juwel der Liebe durch den Schleier ihres Körpers. Unvermittelt berühren sich die vier Hände, wobei zwei davon Eheringe tragen. Eine himmlische Energie strömt durch die Luft. Ein sinnlicher Duft erfüllt den kleinen Raum, alles vibriert nach einer Sehnsucht. Melodie der Leidenschaft erklingt zum ersten Mal. Morgen dann zum zweiten, übermorgen zum dritten. Das Wochenende dazwischen. Ein kleiner Tod. Die trügerische Stille. Immer noch bewegen sich die Hände, der Mund und der Wind. Montag ist da. Eine Brücke ist dazwischen. Eine rote Schachtel Marlboro liegt stumm auf dem Tisch. Die Schachtel wechselt die Farbe, von leuchtendrot in feurigrot. Die Hände greifen nicht nach dem BiC und der Mund plappert nicht. Magnetartig verflechten sich vier Hände ineinander, abenteuerlich, kannibalisch und wie auf einer Entdeckungsreise. Und immer dann, wenn Mann und Frau sich in der Intimität ihrer Selbst, in ihrer Intensität, in ihrer Vulgarität begegnen, „machen“ sie bedingungslos Liebe. Und immer wieder, durch ihr bloßes und einfaches Zusammensein, wird das ewige Feuer der Liebe neu entfacht. Mal geschah es zart, wie eine Frühlingsblume, mal rauh und gewaltig. Die Lippen treffen sich und es tut weh. Mann und Frau erleiden Schmerzen vor Leidenschaft, die bereits eingeschlummert wurde. Und beide sind verblüfft. Sie schauen sich in die Augen und lachen wie zwei sonnenhafte Kinder. Wie in einem Tango bewegen sich beide aufeinander, lassen los und verketten sich wieder. Küssen sich, stöhnen, spielen und lachen. Ein Märchen kann beginnen. So lernen sie sich lieben. So lernen sie sich streiten und schlagen. Und das Zittern ist ständig dabei, ein Feuer flackert und läßt nicht atmen. Zwei Menschen, zurückgeworfen in ihre Jugend, spielen mit dem Feuer und das Feuer spielt mit ihnen. Schmerzhaft sind die Verbrennungen, doch wem kümmern sie. 

Ein Tag vergeht. Sieben Tage vergehen. Sieben Wochen sind um. Unruhe meldet sich. Alarm schlägt. Es qualmt gewaltig. Doch die Leidenschaft wächst, wie ein Berg steht sie da und breitet ihre unermüdlichen Flügel aus. Diese Leidenschaft will eine Art Schutz geben, mit der Parole – was kann mir passieren, wenn ich so wild meine Gefühle spüren kann. 

Sieben Monaten später. Eine rote Schachtel Marlboro liegt auf dem Tisch. BiC hat den Geist aufgegeben, zündet nicht mehr. Die Hände sind ruhig, der Mund stumm. Beide waren von Liebe hingerissen, andere bemerkten es, sie kamen ins Gerede und er empfand zum ersten Mal Bitterkeit. Er unterläßt es, sie zu treffen, aber sein Herz bricht und er verfällt allmählich in Melancholie. Sie pflegt ihre Liebe im Stillen, sodaß niemand weiß, dass sie zwischen dem Wasser ihrer Tränen und dem Feuer ihrer Liebe lebte. Die Angst hat gesiegt. Die Angst vor Verbrennungen. Verstand hat gesiegt, nicht die Leidenschaft. Eine Brücke war dazwischen. Auf ihr stand geschrieben: Entscheide dich! Mann und Frau hassen diese Brücke. Sie ist eine Nervensäge und warnt ständig vor Verlust. Welchem Verlust? Das zu verlieren, was vor dem Feuer gebaut wurde. Das zu verlieren, was ein Leben ausmacht. Das Vertrauen, die Zusammengehörigkeit, der Respekt, die Liebe im Ganzen. Aber diese „alte" Liebe  hat kein Funken Leidenschaft mehr in sich. Doch, und ob! Sie hat einen Dauerwert. Und eine Leidenschaft? Sie entzündet sich fanatischschnell und noch schneller erlöscht sie. 

Eine rote Schachtel Marlboro liegt nicht mehr auf dem Tisch. Auf dem Tisch liegen nur noch Routine und Gewohnheit und in seiner Schublade schlafen Träume, Sehnsüchte und das Verbotene. 

Brücken gibt es überall. BiC kann man für einen Euro kaufen. Irgendwo und irgendwann treffen sich ein Mann und eine Frau, zwei Feuerspieler. 

Vielleicht liegt eine scharlachrote Schachtel Marlboro  dazwischen. Vielleicht auch ein BiC. Und beide können Märchen erzählen, und es wird immer ein kurzes Märchen sein, ein Windhauch, ein einziger Augenblick in Strömung der Zeit.