Doris Buchmann 

Erste Begegnung 


Plötzlich stand sie da, eine Märchenprinzessin aus dem Bilderbuch – schlank und zierlich in aristokratischer Haltung, den schneeweißen Seidenpelz malerisch um die Schultern gelegt, sanft aus grünen Augen blickend. Mit langsamen, fast feierlichen Bewegungen ließ sie sich anmutig auf dem Rasen nieder.  –  – 

Vom sonnendurchglühten Rosenbeet, in dessen Schattenwinkeln er die langen Nachmittagsstunden verschlafen hatte, kam er würdevoll herangeschritten, der Teufel. Überrascht und ein wenig ratlos blieb er auf einmal stehen, als er die Schneeprinzessin gewahrte – zur Statue versteinert – nur die Ohren spielten und die Schwanzspitze zuckte. 

Er starrte sie an – bewegungslos; ihr jedoch schien es zu gefallen, kokett drehte sie den Kopf und zeigte ihr ägyptisches Profil. 

Es war eine hinreißende Geste voller Gunstbezeigung und auffordernder Zuneigung – ausdrucksstark, beinahe dramatisch auf einen Höhepunkt hindeutend. Fasziniert schaute er sie an, seine Bernsteinaugen wurden groß wie Teetassen – wie es Andersen beschrieb — unbeweglich blieb er stehen; lange Zeit. Zwei Schritte nach vorne – noch einen – er hob den Kopf und stieß kurze, gurrende Laute aus. Voll eitler Hoffart streckte sie sich jetzt lang aus, spreizte genießerisch die Vorderpfoten und zog sie wieder zusammen, ohne die Krallen zu zeigen – ein Zeichen des absoluten Wohlbefindens. Das dauerte eine Zeitlang. 

Jetzt begann er sie zu umkreisen, immer enger zog er die Spiralen seiner Leidenschaft. Da setzte sie sich auf. 

Mit scheinbar unbeteiligter Miene beobachteten ihre Augen ununterbrochen die gezierte, großspurige Eleganz seiner Bewegungen, die abgezirkelt im selben Schema verliefen. 

Als er seine zärtlichen Gefühle immer näher zu ihr hintrug, trieb ein wütendes Fauchen aus ihrer Kehle ihn zurück, ihn in die Grenzen des geheiligten Rituals verweisend. 

Verdutzt schüttelte er den dicken Katerkopf, gehorchte aber und blieb drei Meter vor ihr sitzen. Wieder schmiegte sie ihren Körper langgestreckt ins Gras, blickte gelangweilt einem vorüberfliegenden Vogel nach, scheinbar unbeteiligt ihre Umgebung musternd, blinzelte sie in die Sonne. Plötzlich wurde sie aufmerksam. 

Ein dunkler Schatten war hinter dem Mahonienbusch aufgetaucht und schlich sich in ihre Nähe. Es war Rampaal, ein junger Siamkater. 

Interessiert schaute sie nach ihm hin, der sich in respektvoller Entfernung niedergelassen hatte. 

Teufel, den Rivalen erspähend, peitschte erregt den Boden, es passte ihm ganz und gar nicht. Stampfend drehte er sich verärgert ein paarmal um sich selbst. Sie wendete den schönen Kopf – und lächelte. Rampaal, der Siamese, schickte heißes Entzücken zu ihr hin und versuchte, näher heranzukommen. Wie ein schwarzer Blitz fuhr Teufel auf ihn los und zwickte ihn in den Nacken. Rampaal floh. –Aber nicht lange. 

Das weißflaumige Wesen hatte es ihm angetan; er versuchte es jetzt von der anderen Seite des Strauches – vorsichtig linste er um die Ecke. 

Träge ließ sich Prinzessin Suleika die Sonne auf den Pelz scheinen und rührte sich nicht, sie lag genau im Blickfeuer der beiden Kater und genoss es sichtlich, begehrter Mittelpunkt zu sein. Leise schnurrte sie vor sich hin, musterte jedoch aufmerksam ihre Umgebung. 

Mit kleinen Schritten näherte sich Teufel behutsam ob der empfangenen Lektion wildentschlossen wiederum seinem Idol. Rampaal blieb argwöhnisch sitzen, schlich sich dann bedächtig – sich viel Zeit lassend – heran, seine Katzengöttin anbetend. 

Die beiden Kater waren jetzt gleichmäßig entfernt voneinander und kreisten mit gestelztem Gang um ihr Zentralgestirn. 

Suleika, die makellos Weiße, setzte sich jetzt langsam in Positur, ermunterte jenen – ermutigte den anderen. Sie war einfach nicht interessiert, es war ein Spiel für sie. 

Teufel und Rampaal raunzten und maunzten und sangen um die Wette, gifteten sich an und rückten immer näher heran. 

Als sie schon in Griffnähe waren, sich schon fast am Ziel glaubten, brach ein hoher, spitzer Schrei aus dem rosaroten Mäulchen Suleika1s, begleitet von zornigem Fauchen und bösem Knurren – dabei trommelten die Vorderpfoten wütend nach allen Seiten, so dass beide Kater Prügel bezogen. 

Tief bekümmert und verlegen wegen der Abfuhr schlichen sie sich ins nahe Gebüsch und man hatte das Gefühl, die Beiden waren sich jetzt irgendwie einig…