Doris Buchmann 

Trostlose Stadt 

Ein kühler Sommerwind streichelt die Bäume, die zweireihig die breite Straße beschatten; ab und zu ein Sonnenblinzeln, trotzdem ist die Straße voller Leben mit langsam dahinschlendernden Schaulustigen – Eiligen mit nach innen gekehrtem Gesichtsausdruck – fröhlichen Bummelanten – eine Zweisamkeit mit verschlungenen Händen – draufgängerische Direktheit, die hemmungslos vorwärtstrudelt – blasierte Stelzenläufer, die niemanden sehen – kokettes Gehabe von zwei älteren Semestern – einem unaufhaltsamen Pünktlichen – ein Melancholiker am Straßenrand – faul sich Räkelnde auf den Bänken – oder einfach müde Menschenn die ein paar Augenblicke verschnaufen wollen. 

Die Straße gehört ihnen allen. 

Zwei junge Leute arbeiten an einer blauen Markise, die sich nicht spannen lassen will; geduldig werkeln sie weiter und – ich traue meinen Augen nicht – sie gehen mit ihren leichten Alu–Leitern ohne die Füße von den Sprossen zu nehmen einige Meter weiter an den Schaufenstern entlang. Sie turnen immerhin in einigen Metern Höhe – ich bin sichtlich beeindruckt und entschließe mich nur zögernd weiter zu gehen 

Schon nimmt mich etwas Neues gefangen: Klaviertasten pauken fröhlichen Lärm von irgendwoher. Nach einigen Schritten sehe ich es, im Halbrund drängeln sich Menschen nach vorne, um deutlicher den Clown zu sehen, dessen rotes Glitzerkostüm hier und da durch den Menschenknäuel blitzt. 

In abgebrochenen Stakkatoschritten versucht er einen tanzenden Roboter zu markieren, es gelingt ihm glänzend. 

Der umgedrehte Hut auf dem Klavier füllt sich ständig mit Münzen. 

Die Gesichter ringsum sind entspannt – lachend – plötzlich haben alle viel Zeit, sogar die Kleinen in den Kinderwagen blicken vergnügt in die Welt. Die Größeren versuchen sich jetzt auch in den rhythmisch abgestoppten Schritten, es ist garnicht so einfach, wie es ausschaut – der Clown nimmt sie an die Hand, hilft ihnen und führt sie. 

Mit einem Male ist es eine große Familie geworden, die hier in der Fußgängerzone beisammen steht. 

Man erzählt – man versteht sich. 

Unbeteiligte eilen vorüber, sie lassen sich nicht aufhalten – niemand kümmert sich um sie – wozu auch? Andere kommen, bleiben stehen, werden Zuschauer und zuletzt Mitwirkende, während die Caprifischer hinausfahren, wo die rote Sonne zum x–ten Male im Meer versinkt. 

Plötzlich schunkeln die Leute, es ist ein kleines Volksfest geworden, alles ist von Herzen fröhlich. Da kommt eine alte Dame von der anderen Straßenseite herüber, stutzt, bleibt stehen, betrachtet staunend diesen munter quirlenden Auflauf drückt sich mitten hinein, hebt eine Hand, ruft und winkt zu einem kleinen Stand hinüber: „Für alle Kinder ein Eis.“. 

Der Klavierspieler lässt einen Augenblick lang die Hände ruhen, der Clown macht eine tiefe Verbeugung, die Leute klatschen, die Kinder strahlen. – 

Die Großstadt hat plötzlich ein Lächeln im Gesicht.