Doris Buchmann 

Ein junger Mann 


Es war einmal ein feinsinniger, junger Mann, in dessen Seele sich edle Worte formten, wenn ihn etwas begeisterte – sie wurden zu Sinnbildern wahrer Verehrung. – 

Da begegnete ihm eines Tages ein wunderschönes Mädchen; sein Herz klopfte, wenn er nur an sie dachte – an diese hohe, schlanke Gestalt! Der Funke der Zuneigung fing langsam an zu glimmen in seinen Sinnen, doch er war zu scheu, um sich ihr zu nähern – nur aus der Ferne sandte er seine liebenden Gedanken zu ihr. – nach einiger Zeit, als das Verlangen seines Herzens zu leidenschaftlichen Flammen emporzüngelte, beschloss er, sie zu besuchen und brachte voller Freude ein Zweiglein Weidenröschen mit. 

Sie betrachtete es eine Weile, hob erstaunt die Schultern – dann warf sie die kleine Blume aus dem Fenster … denn sie verstand nicht die Annäherung seiner liebevollen Gefühle. – 

Der junge Mann war traurig, als er seine – mit allen zarten Empfindungen – dargebrachte Blume so misshandelt sah. Doch er gab nicht auf. 

Bei seinem zweiten Besuch brachte er einen Zweig vom Strauch des Tränenden Herzens zu ihr und wünschte sich, dass sie die Sprache der Blumen verstehen könnte, um ihr symbolisch zu zeigen, wie er litt. 

Doch auch diesmal flog die kleine Rispe mit den kleinen roten Herzchen aus dem Fenster. Sie verstand ihn immer noch nicht – oder wollte sie ihn nicht begreifen? Doch die Fäden seiner Zuneigung waren inzwischen unzerreißbar geworden, schienen einfach unverletztbar zu sein. 

Er wartete einige Zeit, als ihm etwas Seltsames einfiel: wenn alle seine zärtlichen Empfindungen, die er mit seinen Gebinden überreicht hatte, ihr Inneres nicht berührten – sann er vor sich hin – musste er etwas völlig anderes zu ihr bringen …. 

Da flüsterte ein kleiner Elf, der die Not seines Herzens kannte, ihm ein Wort ins Ohr; mit zwiespältiges Gefühlen hörte der junge Mann zu – Zweifel stiegen in ihm auf, doch der Groll über ihr Nichtverstehen überwog und er folgte dem Rat des winzigen Naturgeistes und brachte beim nächsten Besuch eine Distel mit. 

„AU“ rief das junge Mädchen erschrocken, „das tut ja weh!“ 

„Mein Herz auch“ antwortete der junge Mann leise, schaute ihr tief in die Augen. 

Da wallte eine Woge sanften Mitgefühls in ihrem Gemüt empor und sie reichte ihm lächelnd die Hand. Ein Funke war übergesprungen … 

Endlich! 


Heute sind fünfzig Jahre vergangen nach diesem glücklichen Augenblick – beide erkannten mit der Zeit, als der Schnee des Alters langsam ihre Haare streifte, dass ihre Gefühle füreinander fest verankert waren ineinander, die niemals zerstört werden konnten. – – – 


Ein Märchen? 


Nein – viel mehr – – die Wahrheit  ———– 


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